Die Route ist das Ziel: Wie langsames Reisen uns ganz nebenbei vom Massentourismus wegführt

 

Drei Wochen unterwegs durch Dänemark und Norwegen, ohne Flugzeug und oft ohne festen Plan. Was als Terran-Reise begann, wurde schnell mehr als nur eine klimafreundliche Alternative. Begegnungen im Nachtzug, spontane Zwischenstopps, Gespräche auf Fähren, unerwartete Übernachtungen und Wanderungen fernab der bekannten Hotspots werden plötzlich zu den Höhepunkten der Reise. Während sich viele Tourist:innen an denselben Orten drängen, entdeckt man auf der Route Orte, die auf keiner Bucket List stehen. Vielleicht ist genau das einer der grössten Vorteile des terranen Reisens: Man verursacht nicht nur weniger Emissionen, sondern reist fast automatisch fairer, lokaler und näher an den Menschen.


Nachtzug statt Flughafen

Los ging es in Zürich. Mit dem Nachtzug fuhren wir nach Hamburg und von dort weiter nach Kopenhagen. Bereits die ersten Stunden zeigten, weshalb langsames Reisen so anders ist. Im Nachtzug lernten wir andere Reisende kennen, führten spannende Gespräche und merkten einmal mehr: In einem Flugzeug ist man Passagier, in einem Nachtzug wird man Teil einer kleinen Gemeinschaft auf Zeit.

Kopenhagen: HomeExchange statt Airbnb

In Kopenhagen nutzten wir HomeExchange. Das Prinzip ist einfach: Menschen tauschen ihre Wohnungen, während sie selbst verreist sind. Dadurch entstehen keine zusätzlichen Ferienwohnungen, die dem lokalen Wohnungsmarkt entzogen werden.

Kopenhagen selbst beeindruckte uns sofort. Die Stadt wirkt weitläufig, entspannt und lebenswert. Überall gibt es Möglichkeiten zum Baden, Grünflächen und öffentliche Orte, an denen sich Menschen begegnen. Bei der Suche nach nachhaltigen Ausflugsideen stiessen wir auf den Nachhaltigkeitsguide von Visit Copenhagen, der zahlreiche Initiativen und Projekte vorstellt. Dort entdeckten wir auch CopenHill, was eine Kehrichtverbrennungsanlage und gleichzeitig eine Skipiste, ein Naherholungsgebiet und ein Klimaprojekt ist. Auf dem Dach fuhr ich Ski auf Kunstrasen, während darunter Abfälle verarbeitet werden. Zudem gehört die Anlage zu den wenigen ihrer Art weltweit, die CO₂-Abscheidung im industriellen Massstab erproben. Statt die Infrastruktur am Stadtrand zu verstecken, wurde sie Teil des Stadtlebens.

Zwei Länder, eine Fähre und viele Geschichten

Von Kopenhagen ging es mit der Fähre weiter nach Oslo. Während wir an Deck standen, glitt auf der einen Seite Schweden vorbei, auf der anderen Norwegen. Wieder entstanden schöne Begegnungen. Ein Historiker erzählte mir stundenlang von der Geschichte Skandinaviens. Mitarbeitende einer NGO halfen uns, Orcas und andere Meeressäuger zu entdecken. Orcas zeigten sich an diesem Tag zwar nicht. Dafür sah ich Thunfische und Seehunde.

Was in Zürich-Wiedikon erst kürzlich zum Trend geworden ist, scheint auf dieser Fähre seit Jahrzehnten zum Standardprogramm zu gehören: Bingo. Knapp verpassten wir ein Gratisticket für die Fähre, gingen aber trotzdem sehr zufrieden in unserer eigenen Kajüte schlafen. Am nächsten Morgen wachten wir bereits im Oslofjord auf. Insel um Insel zog vorbei, die Besiedlung wurde dichter und schliesslich erreichten wir Oslo.

Ein Land, das aus Öl Zukunft macht

Nach einem kurzen Aufenthalt in Oslo fuhren wir mit dem Bus weiter nach Stavanger. Offenbar begann gerade das Semester, denn der Bus war voller Studierender mit riesigen Gepäckstücken.

In Stavanger begegnet man zwangsläufig der Geschichte des norwegischen Öls. Das Land hat einen grossen Teil seiner Einnahmen aus Erdöl und Erdgas in einen Staatsfonds investiert, der heute zu den grössten der Welt gehört. Die Idee dahinter: Auch zukünftige Generationen sollen von diesen Ressourcen profitieren können.

Unterwegs am Lysefjord

Dann begann der Teil der Reise, auf den wir uns besonders gefreut hatten. Wir wollten den Lysefjord während sieben Tagen umrunden. Die Region ist vor allem für den Preikestolen bekannt, zu dem jedes Jahr rund 400’000 Menschen aufsteigen. Wir entschieden uns jedoch für den längeren Weg rund um den Fjord.

Doch schon die Anreise wurde zum Abenteuer. Wir hatten den Busfahrplan falsch verstanden und stellten fest, dass an diesem Sonntag gar kein Bus fuhr. Also griffen wir zu einem Stück Karton und versuchten unser Glück per Autostopp. Rückblickend war das wohl eine der besten Entscheidungen der ganzen Reise.

Drei verschiedene Personen nahmen uns mit. Zwei davon mussten eigentlich gar nicht in unsere Richtung fahren. Statt nur von A nach B zu gelangen, führten wir Gespräche über das Leben in Norwegen, über die Region und über die Menschen hier. Man lernt ein Land selten besser kennen als auf dem Beifahrersitz eines fremden Autos.

Die DNT-Hütten: Vertrauen als Infrastruktur

Bereits in Oslo waren wir dem norwegischen Wanderverein DNT (vergleichbar mit dem SAC in der Schweiz) beigetreten. Der DNT betreibt ein riesiges Netz von Berghütten in ganz Norwegen. Viele davon funktionieren auf Vertrauensbasis. Als Mitglied erhält man Zugang und kann selbstständig übernachten sowie teilweise vorhandene Lebensmittel nutzen und per App abrechnen. Für unsere Wanderung war dieses System essenziell, weil es keine Läden auf dem Weg gab.

Nur in der Mitte der siebentägigen Tour gab es einen Campingplatz mit dem einzigen Restaurant auf der Route. Umso wichtiger waren die Vorräte in einigen der Hütten.

Fernab vom Massentourismus

Während vier Tagen begegneten wir nur wenigen Menschen. Erst am Ende des Fjords, wo sich ein Campingplatz befand, wurde es wieder etwas belebter. Dort freundeten wir uns mit anderen Reisenden an, die wir später nochmals in Bergen trafen. Fernab vom Alltag werden Menschen oft erstaunlich schnell zu einer Gemeinschaft. Ich teilte einen selbst gefangenen Fisch, andere steuerten frisches Gemüse bei, das wir seit Tagen nicht mehr gesehen hatten. Aus einem einfachen Abendessen wurde ein kleiner Höhepunkt der Reise.

Natürlich war nicht alles romantisch. Wir wurden teilweise ordentlich verregnet. Doch genau dann zeigten die DNT-Hütten ihren Wert. Anders als viele Schweizer Berghütten sind sie nicht nur Schlafplätze, sondern Aufenthaltsorte. Oft gibt es grosse Sofabereiche, Bücher und einen warmen Ofen. Manchmal waren wir die einzigen Gäste und verbrachten einen ganzen Abend dort, während draussen der Regen gegen die Scheiben peitschte.

An den sonnigen Tagen dagegen sammelten wir Blaubeeren in unglaublichen Mengen. Meinen Zehnjahreskonsum dürfte ich wohl innerhalb eines einzigen Tages gedeckt haben.

Wenn die Stille endet

Am letzten Wandertag näherten wir uns dem Preikestolen. Zunächst hörten wir Stimmen. Dann wurden es mehr. Dann immer mehr.

Nach einer Woche fast allein in der Natur fühlte sich der Ort beinahe wie eine andere Welt an. Ein endloser Strom von Menschen kam uns entgegen. Drohnen summten über den Köpfen, Selfie-Sticks ragten in die Luft und die Bandbreite der Ausrüstung reichte von Wanderschuhen bis zu Strandsandalen.

Der Ort bleibt spektakulär. Die Aussicht über den Fjord ist beeindruckend und zu Recht weltbekannt. Trotzdem wurde hier der Unterschied zwischen Reisen und Tourismus besonders sichtbar. Viele Menschen waren für wenige Stunden hier. Sie besuchten genau den Ort, der ihnen von sozialen Medien, Reiseführern oder Reiseveranstaltern empfohlen wurde.

Unsere Woche rund um den Fjord war dagegen von den vielen kleinen Momenten geprägt, die nie in einem Reiseführer auftauchen würden. Von den Menschen, die uns per Autostopp mitnahmen. Von den Abenden in den Hütten. Von Landschaften, die wir stundenlang für uns alleine hatten. Das ist einer der Vorzüge des terranen Reisens. Weil der Weg Teil der Reise wird, verliert die einzelne Sehenswürdigkeit etwas an Bedeutung. Die Reise besteht nicht mehr nur aus Höhepunkten. Man wird unabhängiger von den Orten, die alle anderen ebenfalls besuchen wollen.

Die Menschlichkeit fehlte übrigens auch am Preikestolen nicht. Da an diesem Tag erneut kein passender Bus fuhr, nahm uns ein indisches Touristenpaar mit Kind spontan bis zum nächsten Campingplatz mit.

Bergen und die Kunst, den Regen zu ignorieren

Nach der Wanderung verbrachten wir einige Tage in Bergen. Die regenreichste Stadt Europas machte ihrem Ruf alle Ehre. Erstaunlich war jedoch, wie wenig sich die Menschen davon beeindrucken liessen. Es war Sommer. Also war Sommer. Während wir mit mehreren Schichten Kleidung und Regenschirm unterwegs waren, liefen die Einheimischen mit Shorts, Gummistiefeln und bester Laune durch die Stadt. Gleichzeitig fand ein grosses Open-Air-Festival statt.

Ein Fischcamp, das wir nie geplant hatten

Später fanden wir eher zufällig ein kleines Fischcamp, das in der Nebensaison Zimmer vermietete. Genau solche Orte sind typisch für langsames Reisen. Sie tauchen kaum in Reiseführern auf und würden vermutlich nie Teil einer Pauschalreise sein. Hier gab es Ruhe, Natur und einen Fjord direkt vor der Tür. Wir mieteten ein kleines Motorboot, fuhren hinaus aufs Wasser und verbrachten die Tage mit Fischen, Lesen und Entspannen. Selbst gebackenes Brot und frisch gefangener Fisch waren plötzlich Luxus genug.

Allein unterwegs

Danach reiste ich alleine weiter Richtung Osten. Je weiter ich kam, desto weniger Tourismus begegnete mir. Oft sass ich mit Schulkindern im Bus. Eigentlich waren sie der Hauptgrund, weshalb in diesen abgelegenen Regionen überhaupt noch öffentlicher Verkehr existierte.

Auch hier begegnete mir immer wieder eine beeindruckende Hilfsbereitschaft. Einmal verpasste ich beinahe meinen Anschlussbus. Ich rannte hinter dem bereits anfahrenden Fahrzeug her und hielt die Situation eigentlich für aussichtslos. Doch eine Autofahrerin beobachtete die Szene, machte einen U-Turn, holte den Bus ein und informierte den Fahrer. Zum Glück. Der Bus fuhr nur einmal pro Tag. Einige Tage später traf ich denselben Busfahrer erneut. Er wollte wissen, was ich inzwischen erlebt hatte. Genau solche Begegnungen bleiben oft länger in Erinnerung als jede Sehenswürdigkeit.

Auf seine Frage erzählte ich dem Busfahrer vom Lachs, dem Tier, das mich während dieser Reise immer wieder begleitet hatte.

Angefangen hatte alles mit den vielen kreisrunden Netzen der Lachsfarmen, die in unzähligen Fjorden liegen. Je weiter ich reiste, desto häufiger begegnete mir das Thema. Menschen erzählten von den beeindruckenden Wanderungen der Lachse, von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für die Region, aber auch von den Herausforderungen der Zucht. Ich sprach mit Einheimischen über Fischläuse, entkommene Zuchtlachse und die Auswirkungen auf die Wildbestände. Andere wiederum erzählten voller Stolz von den Flüssen ihrer Region und davon, wie streng die Fischerei reguliert ist.

«There is something about salmon that makes people crazy here in Norway», meinte ein Bahnangestellter mal zu mir – und das stimmt. An manchen Flüssen stehen Angler:innen schon morgens um 5 Uhr Schlange, um eine der begehrten Angelkarten zu ergattern, teils Tage oder Wochen im Voraus. Eine solche Karte gilt teilweise nur wenige Stunden, doch die Chance auf einen wilden Atlantiklachs ist vielen den Aufwand wert.

Je mehr Gespräche ich führte und je mehr ich darüber las, desto stärker begann mich das Thema zu faszinieren. Zwischenzeitlich hatte ich mich so tief eingelesen, dass ich mir vorstellen konnte, in welchen Flüssen die Lachse gerade warteten, wo man sie finden könnte und weshalb Regen für sie manchmal wichtiger ist als für die Menschen. Und tatsächlich hatte ich irgendwann Glück.

An einem Fluss konnte ich mehrere Lachse beobachten. Sie standen in tieferen Bereichen des Wassers und schienen auf höhere Pegelstände zu warten, um ihren Weg flussaufwärts zu den Laichgebieten fortzusetzen. Nach all den Geschichten, die ich gehört hatte, wirkte dieser Moment beinahe surreal. Plötzlich schwammen die Tiere, über die ich tagelang gelesen und gesprochen hatte, direkt vor mir.

Vielleicht war auch das wieder typisch für diese Art des Reisens. Wenn man langsam unterwegs ist, bleibt Zeit, sich von Themen treiben zu lassen. Man verfolgt eine Spur, spricht mit Menschen, liest nach, stellt Fragen und merkt irgendwann, dass man sich für etwas begeistert, das ursprünglich gar kein Teil der Reise war. Der Lachs stand jedenfalls auf keinem Reiseplan. Und genau deshalb blieb er mir so stark in Erinnerung.

Flåm und die Frage nach dem «richtigen» Reisen

Meine letzte Woche führte mich von Bergen bis nach Myrdal – mit ÖV, Campen, DNT-Hütten, Angeln und Wandern.

Nach mehreren Tagen in der Wildnis erreichte ich einen kleinen Bahnhof an der Strecke der berühmten Flåmbahn. Am Abend war es ruhig und menschenleer. Ich stellte mein Zelt auf und kochte am nächsten Morgen einen Kaffee direkt neben dem Gleis. Dann fuhr der Zug ein.

Innerhalb weniger Minuten war der Ort voller Menschen, Kameras und Selfie-Sticks. Einige fotografierten sogar mich und meinen improvisierten Kaffeeplatz. Kurz darauf war alles wieder vorbei. Der Kontrast hätte kaum grösser sein können.

Die Flåmbahn ist zweifellos spektakulär und die Landschaft aussergewöhnlich schön. Trotzdem stellte sich mir nochmals dieselbe Frage wie am Preikestolen: Wieso konzentriert sich der Tourismus auf einige Hotspots, obwohl es in Norwegen noch tausende weitere wunderschöne Orte gibt?

Terranes Reisen funktioniert oft anders. Nicht weil wir bewusst jede bekannte Sehenswürdigkeit meiden. Sondern weil der Weg ständig neue Möglichkeiten eröffnet. Plötzlich wird der ungeplante Halt wichtiger als die Sehenswürdigkeit selbst. Man steigt irgendwo aus, weil der Ort interessant aussieht. Man bleibt länger, weil man eine spannende Person getroffen hat. Man entdeckt einen Ort, der in keinem Ranking auftaucht. Die Route wird zum eigentlichen Abenteuer, oft fernab von Massentourismus.

Mehr als eine Reise ohne Flugzeug

Schliesslich ging es mit der Fähre zurück nach Kopenhagen und über Hamburg wieder nach Zürich. Übrigens überraschend günstig: Für eine Viererkabine auf der Fähre bezahlte ich bei frühzeitiger Buchung gerade einmal rund 40 Franken. Beim Nachtzug oder der Flåmbahn lohnt sich allerdings eine frühe Reservation, denn dort steigen die Preise teilweise deutlich an.

Auf der Rückreise wurde mir bewusst, dass ich von dieser Reise vor allem etwas Unerwartetes mit nach Hause nahm. Der Historiker auf der Fähre. Die Menschen, die uns per Autostopp mitnahmen. Die gemeinsamen Abendessen mit anderen Wandernden. Der Busfahrer, der wissen wollte, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte. Keine dieser Erinnerungen stand auf einem Reiseführer.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke des terranen Reisens. Wer langsam unterwegs ist, reist nicht nur klimafreundlicher. Man lässt Raum für Zufälle. Für Begegnungen, Geschichten und Orte. Und vielleicht ist das auch einer der wirksamsten Wege, Massentourismus zu vermeiden. Nicht indem wir uns krampfhaft von bekannten Orten fernhalten. Sondern indem wir dem Weg genügend Aufmerksamkeit schenken. Denn wer die Route ernst nimmt, entdeckt fast automatisch die vielen Orte dazwischen.

Die Route wird zum Ziel. Und genau dort beginnen oft die schönsten Geschichten.

Mathieu Gasser…