Oulu: Mit dem Velo übers Meer

Dieser Artikel erschien am 18.12.2023 auf infosperber.ch, Autor: Marco Diener

Radwege in Oulu: Im Winter führt einer sogar übers Meer. © Pekka Tahkola auf Twitter
Radwege in Oulu: Im Winter führt einer sogar übers Meer. © Pekka Tahkola auf Twitter

Velo fahren im Winter? Das geht. Aber im nördlichsten Teil von Europa? Auch das geht. Zum Beispiel im finnischen Oulu.

Oulu ist ein unwirtlicher Ort. Die 200’000-Einwohner-Stadt liegt nur 170 Kilometer südlich des Polarkreises. Während fünf Monaten liegt Schnee. Von Anfang November bis Anfang April steigt die Temperatur kaum je über den Nullpunkt. Ende Dezember ist die Sonne über Mittag gerade mal während dreieinhalb Stunden zu sehen – wenn das Wetter schön ist.

Nur Basel und Bern halten mit

Und trotzdem ist Oulu eine Velostadt. 20 Prozent aller Wege legen die Leute im Jahresschnitt mit dem Velo zurück. Das ist ein Wert, den in der Schweiz gerade mal Basel und Bern erreichen. Alle anderen grossen Schweizer Städte liegen weit zurück. Zürich kommt auf 11 Prozent, Luzern auf 9, Genf auf 8, St. Gallen auf 7 und Lausanne auf 4.

Bemerkenswert: In Oulu beträgt der Anteil der Wege, welche die Leute auf dem Velo zurücklegen auch im Winter noch 12 Prozent. Rund die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler fahren ganzjährig mit dem Velo zur Schule. Obwohl die Temperatur auch tagsüber bei minus 30 Grad liegen kann.

Auch im Winter mit Velos vollgestellt: Schulhaus-Parkplatz. © Pekka Tahkola auf Twitter
Auch im Winter mit Velos vollgestellt: Schulhaus-Parkplatz. © Pekka Tahkola auf Twitter

Nur Velofahrer im Schneepflug

Wie ist das möglich? Oulu verfügt über ein ausgesprochen dichtes Netz aus radialen und tangentialen Radwegen: 600 Kilometer auf Stadtgebiet, weitere 1000 Kilometer in der Agglomeration. Daher sind die Wege mit dem Velo deutlich kürzer als mit dem Auto.

So breit wie eine Strasse: Radweg in Oulu. © Youtube
So breit wie eine Strasse: Radweg in Oulu. © Youtube

Aber selbst das beste Radwegnetz wird nur dann benutzt, wenn es auch gut unterhalten wird. Den Winterdienst hat die Stadt an Private ausgelagert – allerdings verbunden mit strengen Regeln. So ist für jede Radweg-Kategorie festgelegt, wie schnell die Unterhaltsteams bei Schneefall reagieren müssen. Und vielleicht das Wichtigste: Die Schneepflug-Chauffeure müssen selber Velofahrer sein – auch im Winter. Denn so wissen sie am besten, worauf es wirklich ankommt.

Mit normalen Velos

Trotzdem schaffen es die Unterhaltsteams angesichts der widrigen Witterung nicht, die Radwege restlos zu räumen. Während fünf Monaten bleiben die Radwege daher schneebedeckt. Geräumt werden sie mit Schneepflügen, deren Klinge gezackt sein muss, damit keine glatte Fläche entsteht. Der Abstand zwischen den Zacken darf aber höchstens 20 Millimeter betragen. Denn sonst entstehen breite Rillen, die für schmale Velopneus wirken wie Tramschienen. Angesichts der guten Unterlage verzichten zwei Drittel der Velofahrer auf besonders breite Pneus und auf Spikes. Sie sind mit den gleichen Velos unterwegs wie im Sommer, und sie rüsten sie auch nicht auf.

Trotz schneebedeckter Radwege sind in Oulu keine Spikes nötig. Zwei Drittel der Velofahrer und Velofahrerinnen verzichten auch im Winter darauf und sind mit ganz normalen Velos unterwegs. © Youtube
Trotz schneebedeckter Radwege sind in Oulu keine Spikes nötig. Zwei Drittel der Velofahrer und Velofahrerinnen verzichten auch im Winter darauf und sind mit ganz normalen Velos unterwegs. © Youtube

Kein Salz

Sorgen um ihre Velos brauchen sich die Velofahrer nicht zu machen. Denn der Einsatz von Streusalz ist auf den Radwegen verboten. Im absoluten Notfall ist der Einsatz von Sand oder Splitt zulässig. Der Splitt muss aber so beschaffen sein, dass er weder den Pneus der Velos noch den Pfoten von Hunden und Katzen etwas anhaben kann. Aber meistens reicht es, wenn die Räumungsteams den festgefahrenen Schnee aufrauen. Und dann, berichten Velofahrer und Velofahrerinnen, rolle es fast besser als auf Asphalt, da Schlaglöcher und andere Belagsschäden zugedeckt seien.

Zeit für Details

Weil inzwischen alles recht gut klappt, ist in Oulu nun die Zeit für die Detailpflege angebrochen. Die aufgemalten Symbole auf den Rad- und den Fusswegen sind im Winter wegen des Schnees natürlich nicht zu sehen. Deshalb werden sie auf den Schnee projiziert. Das funktioniert gut, weil es in Oulu im Winter meist dunkel ist.

Vielleicht nicht die dringendste Massnahme, aber ein schönes Detail: Rad- und Fussweg-Symbole werden auf den Schnee projiziert. © oulu.com
Vielleicht nicht die dringendste Massnahme, aber ein schönes Detail: Rad- und Fussweg-Symbole werden auf den Schnee projiziert. © oulu.com

Auch bei der Signalisation ist Oulu innovativ: Neben einem Signal, welches die Autofahrer auf Fussgängerstreifen und Fussgängervortritt hinweist, gibt es neuerdings auch ein Signal für Veloüberfahrt und Velovortritt.

Oulu hat ein Verkehrssignal erfunden: Vortritt für querende Velos.© Youtube
Oulu hat ein Verkehrssignal erfunden: Vortritt für querende Velos.© Youtube

Sogar übers Meer

Die Stadt Oulu, die sich selbstbewusst als «Hauptstadt des Winter-Velofahrens» bezeichnet, liegt an einer Bucht. Auf der einen Seite befindet sich das Stadtzentrum, auf der anderen Seite der Flughafen. Mit dem Velo ist die Fahrt knapp 15 Kilometer lang. Zumindest im Sommer. Im Winter, wenn der Bottnische Meerbusen zugefroren ist, gibt es eine Abkürzung: den Radweg übers Meer. So lassen sich im Winter 3 Kilometer sparen.

Abkürzung übers zugefrorene Meer. © Youtube
Abkürzung übers zugefrorene Meer. © Youtube