Traumhafter Veloausflug bei Bergün

Der Morgen beginnt früh, fast noch im Dunkeln. Wer in Zürich auf Gleis 6 ankommt, spart sich die Suche nach Aufzügen. Ein kleiner, aber entscheidender Vorteil, wenn man mit dem Velo unterwegs ist. Im IR 35 öffnet sich langsam der Horizont: der Zürichsee, der Walensee, die Kurfirsten, noch im Schatten der frühen Stunde. Es ist, als würde die Landschaft sich langsam entfalten, als würde sie mich willkommen heissen.

In Bergün treffen wir uns: eine Gruppe von Geschwistern und einem Schwager, alle zwischen 60 und 80, aber mit der Neugier und dem Tatendrang von Jugendlichen. Unser erstes Ziel ist das Landwasser-Viadukt. Ein Tipp für Fotografen: Wenn ein Zug über das Viadukt fährt, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Die meisten Besucher zücken dann ihre Kameras, und das aus gutem Grund. Die Eleganz der Bögen, die sich über die Schlucht spannen, die Art, wie der Zug darüber gleitet, als wäre er schwerelos, ist ein Moment kollektiver Bewunderung.

Doch dann wählen wir einen Weg, der uns hinter das Viadukt führt, einen Wanderpfad, der sich steil und holprig den Berg hinaufschlängelt. Hier ein wichtiger Hinweis: Mit Mountainbikes wäre dieser Weg ein Kinderspiel, doch mit normalen Velos wird er zur Herausforderung. Wer nicht bereit ist, das Velo zu schieben, sollte diesen Abschnitt meiden. Wir schieben, wir keuchen, wir lachen. Die Natur um uns herum ist wild und unberührt, und plötzlich entdecken wir das Rote Waldvögelchen, keine Vogelstimme, sondern eine seltene Orchidee, die sich zwischen den Felsen versteckt. Es ist, als würde die Landschaft uns belohnen für unsere Mühe.

Am Ende des Tages haben wir nur 34 Kilometer zurückgelegt , doch was für Kilometer! Jeder Meter war gefüllt mit Anstrengung, mit dem Staunen über die Schönheit, die uns umgibt.


Am nächsten Tag führt uns der Weg über den Albula-Pass. Die Strasse ist ruhig, der Verkehr überschaubar, die Steigungen sind sanft. Perfekt für eine entspannte Velotour. Immer wieder halten wir an, um die Brücken der Rhätischen Bahn zu bewundern, um zu warten, bis ein Zug vorbeifährt. Die Albula fliesst neben uns her, ihr Wasser glasklar und eisig. Am Lai da Palpuogna angekommen, laden wir die Velos ab und wandern eine Stunde lang durch ein Blumenmeer. Wer Zeit hat, sollte hier unbedingt eine Pause einlegen. Die Vielfalt der Alpenblumen ist überwältigend, und die Stille des Sees lädt zum Verweilen ein.

Auf der anderen Seite des Passes erreichen wir La Punt. Wir folgen dem Inn, dann der Flaz, bis wir Pontresina erreichen. Der Veloweg entlang der Flaz ist einer der schönsten und bequemsten der Region, ein Geheimtipp für alle, die eine gemütliche Fahrt mit atemberaubender Aussicht suchen. Der Tannenhäher pfeift uns sein Lied. Das Roseggtal ist touristisch, doch an einem Werktag haben wir es fast für uns allein. 66 Kilometer und 1545 Höhenmeter später kehren wir nach Bergün zurück, müde, aber erfüllt.


Der letzte Tag führt uns von Bergün aus entlang der Ava da Tuor. Wer die Abzweigung nach Tuor Chant nimmt, wird belohnt: Hier gibt es Trottis zu mieten und einen wunderschönen Wanderweg, der zur Alp Plazbi führt. Die Landschaft wird immer wilder, immer einsamer. In 2069 Metern Höhe scheint die Welt stillzustehen. Mein Bruder und eine Schwester erkunden die Blumenwiesen, während meine jüngere Schwester und ich zum Fluss hinabsteigen. Dort entdecke ich etwas Einzigartiges: den Schatten einer Gemswurz, in dessen Mitte eine Flechte im Stein sitzt , wie ein natürliches Kunstwerk.

Und dann: das Berghaus Piz Kesch. Ein Ort, der durch seine Küche und seine einzigartige Atmosphäre besticht. Und ja, es gibt tatsächlich grüne Veloparkplätze. Doch die Heimfahrt wird zum Kontrast: der Regen peitscht uns entgegen, die Kälte kriecht in die Knochen, während wir wissen, dass zu Hause die Sonne bei 36 Grad brennt. Ein letzter Tipp: Das Wetter in den Bergen kann sich schnell ändern. Wer nicht vorbereitet ist, wird überrascht – im Guten wie im Schlechten.


Was bleibt?
Die Erinnerungen an die Blumen: Rindsauge, Gemswurz, Mannsschild, Faltenlilie, Katzenpfötli, Gold-Fingerkraut, Alpen-Margritli, Mehlprimeli, Glockenenzian, Polsternelke, Seidelbast, Alpenklee, Arnika. An die Murmeltiere, die Schmetterlinge, den Duft von Arvenholz und Arvenharz. An die Momente, in denen wir einfach nur staunen konnten. Was will man mehr?