Sizilien per ÖV: Erlebnisreich und überraschend unkompliziert
Mit den Klima-Grosseltern unterwegs.
Mit dem Flugzeug dauert die Reise nach Palermo weniger als zwei Stunden. Doch als Klima-Grosseltern bleiben wir auf dem Boden. Mit Zug und Schiff geht es etwas länger, ist dafür umso spannender. Auch innerhalb Siziliens mit ÖV unterwegs zu sein, erweist sich als überraschend unkompliziert.
Es ist nicht das erste Mal, dass wir nach Sizilien reisen. Es zieht uns wieder auf diese vielfältige Insel, so reich an Zeugen einer bewegten Geschichte und atemberaubenden Landschaften. Diesmal geht es in den Nordosten, den wir noch kaum kennen. Bei früheren Reisen waren wir mit einem Mietauto unterwegs. Das war praktisch, aber nicht immer ganz stressfrei. So wollen wir es diesmal per Zug und Bus versuchen. An drei Orten planen wir ein paar Tage zu bleiben und von dort aus die Umgebung zu erkunden: Cefalù, Taormina und Enna.
Anfangs Nachmittag fahren wir im Eurocity in Zürich los. Wir haben eine extra Stunde zum Umsteigen in Mailand eingeplant, da es erfahrungsgemäss sonst knapp werden kann. Das wäre diesmal nicht nötig gewesen. So haben wir Zeit, schon mal einen ersten, ausgezeichneten Espresso zu trinken und ein Gelato artigianale zu kaufen. Und plötzlich ist da dieses Gefühl: Wir sind in Italien.
Die Ferien beginnen auf dem Meer
Vom Bahnhof Genua Piazza Principe bringt uns ein Taxi zu Hafen. Nach dem Vorzeigen unserer Tickets am Schalter der Schifffahrtsgesellschaft GNV spazieren wir, unsere Rollköfferchen hinter uns herziehend, auf einem für Fussgänger markierten Weg auf die MS Suprema. Die etwas teurere Kabine, die wir diesmal gebucht haben, erweist sich als ziemlich komfortabel. Doch bald zieht es uns hinaus, an die Reling. Langsam senkt sich die Dunkelheit über die Stadt während unter uns immer noch LKWs und riesige Lastwagenauflieger in den Bauch des Schiffes hineinmanövriert werden.
Den ganzen folgenden Tag verbringen wir auf dem Schiff. Drinnen in den Bars und Aufenthaltsräumen ist es schwierig, den vielen Fernsehern zu entkommen, die den ganzen Tag in voller Lautstärke laufen. Doch draussen ist die Weite des Meeres, die breite Spur, die das Schiff hinter sich herzieht – und sind da im Dunst am Horizont nicht vielleicht doch die Umrisse einer Insel zu sehen? Der Tag vergeht langsam mit Lesen, Gesprächen, Spazieren auf den verschiedenen Decks und einfach Dasein – eine wunderbare Einstimmung auf die Ferien.
Cefalù
Etwas verloren fühlen wir uns schon, als wir am frühen Abend in Palermo die Fähre verlassen. All die vielen Leute auf dem Schiff sind verschwunden, in ihre Autos oder Reisebusse gestiegen, die wenigen Fussgänger von Bekannten abgeholt worden. Aber die Beamten im Häuschen bei der Hafeneinfahrt sind sehr hilfsbereit und bestellen uns ein Taxi. Kaum eine halbe Stunde später sind wir in Palermo Centrale. Der Bahnhof ist klein, einige wenige Geleise, ein Billetschalter in einer Halle mit glänzendem Marmorboden. Es dauert keine fünf Minuten, bis ich zwei Billete nach Cefalù gekauft habe. Später finden wir heraus, dass wir die Tickets auch auf der SBB-App hätten lösen können. Jede halbe Stunde fährt ein direkter Zug nach Cefalù.
Der Ort ist wunderschön mit seinem langen Sandstrand, dem eindrücklichen Felsen Rocco und dem arabisch-normannischen Dom mit einem grossartigen Mosaik des Christus Pankreator. Es hat viele Tourist:innen, ja, aber schon in der Parallelstrasse zur Souvenirshopgasse geht das Kleinstadtleben seinen gemächlichen Lauf. In einem alten Lingeriegeschäft, mit unzähligen Schubladen in einer hölzernen Wand, finde ich eine sottogonna, einen Ersatz für den Unterrock, den ich zuhause vergessen habe.
Taormina
Nach drei Tagen geht’s weiter. Im kleinen Bahnhof warten wir auf den Schnellzug nach Messina. Doch der Zug kommt nicht, guasto alla linea elettrica, Fahrleitungsstörung. Alle paar Minuten scheppern entsprechende Ansagen – italienisch und englisch – aus den Lautsprechern. Schwer verständlich erst, aber dank der laufenden Wiederholung versteht man sie schliesslich perfekt. Ärgerlich, aber wenigstens ist es kühl in der kleinen Halle, es gibt eine Bar nebenan und es kommt zu unterhaltsamen Gesprächen zwischen den Wartenden. Nach zwei Stunden schliesslich ist der Intercity da. Er ist überraschend modern und komfortabel, Europe loves Sicily steht auf den weissen Wagen. In Messina müssen wir umsteigen, aber da von dort alle halben Stunden ein Zug nach Taormina fährt, ist unsere Verspätung kein Problem.
In Taormina bleiben wir etwas länger, es ist auch Ausgangspunkt zu einer Tour auf den Ätna. Mit Daniele, einem jungen Biologen und Mitarbeiter des kleinen lokalen Reiseveranstalters Etna People, sind wir zu acht unterwegs durch die immer karger werdende Vegetation zu einigen alten Kratern des Vulkans. Wir erfahren viel über die allmähliche Verwandlung des harten Lavagesteins in fruchtbare Erde und Mamma Etna, den manchmal bedrohlichen aber gleichzeitig nährenden Vulkan.
In Taormina haben wir auch Zeit, unsere Kleider waschen zu lassen. Wer mit dem ÖV unterwegs ist, reist vorzugsweise mit leichtem Gepäck. Der Waschsalon in einem Aussenquartier ist rege besucht. Ein Kunde erklärt mir, dass ich die Waschmaschine mit vier Euro-Münzen füttern muss. Die Betreuerin kommt dazu und sagt lachend, er solle ihr nicht den Job wegnehmen. Sie wird mir nachher die Blusen und Röcke bügeln, schöner als ich es je zustande brächte.
Enna, in der Mitte der Insel
Knapp drei Stunden mit einmal Umsteigen – die Reise nach Enna ist kürzer als gedacht. Die Züge sind diesmal pünktlich und auf dem Teilstück, wo die Strecke unterbrochen ist, klappt der Busersatzservice tadellos. Einzig zur Haltestelle des Busses müssen wir uns durchfragen. Dafür kommen wir mit einer Sizilianerin ins Gespräch, die zu ihrer Tochter nach Enna reist.
Enna thront mehrere hundert Meter über der Ebene auf einem Felsen. Die alte Stadt ist kein Touristenmagnet. Hier gibt es alte, fast ausschliesslich von Einheimischen besuchte Restaurants mit tollen Spezialitäten (Carciofi alla siciliana!), Menschen, die einem, wenn man nach der Bäckerei fragt, gleich dorthin begleiten, einen jungen Handwerker, der wunderschöne Ledertaschen herstellt. Man könnte stundenlang einfach nur über die grosse Esplanade schlendern und die Aussicht auf die weite Landschaft und die auf dem Felsen gegenüber gelegene Schwesterstadt Calascibetta geniessen.
Palermo – Neapel
Am Montag bringt uns ein Taxi wieder runter zum Bahnhof in der Ebene. Ausser uns warten noch ein allein reisender Chinese und zwei Rucksacktouristinnen. Der Zug kommt auf die Minute pünktlich an und bringt uns in knapp zwei Stunden nach Palermo. Noch drei Tage bleiben wir in Siziliens Hauptstadt. Dann nehmen wir wieder eine Fähre über Nacht und verbringen noch 5 Tage in Neapel, bevor uns eine Freccia Rossa in nur viereinhalb Stunden nach Mailand bringt. Von da sind’s noch gut drei Stunden nach Zürich.
Es waren wunderbare Ferien. Ein wenig anstrengender vielleicht als eine Reise mit Flug und Mietauto. Nein, eigentlich nicht, denn wir haben den Rhythmus weitgehend selber bestimmt, oft und gerne auch mal ein Taxi genommen. Vor allem aber hatten wir Zeit, die Landschaften zu erfahren, Begegnungen zuzulassen, Unerwartetes zu entdecken.
Elisa Fuchs ist Mitglied der Klima-Grosseltern Schweiz.
Früher war sie in der Internationalen Zusammenarbeit tätig und flog oft und weit. Seit 2019 reist sie terran, aus Überzeugung und weil sie es spannend findet.








