Mit dem Velo quer durch Tschechien – Teil 1

Ich befand mich gerade in den Semesterferien, es ist Mitte Juli, und es standen keine wichtigen Termine oder Abgaben mehr an. Ich genoss diese Freizeit und Freiheit. Aber ich wusste auch: Bald schon, nämlich Anfang August, werde ich ein neues Kapitel aufmachen und meine Praktikumsstelle antreten. Mir blieben also zwei Wochen, in denen ich die Chance noch nutzen konnte, um eine mehrtägige Reise anzutreten und etwas zu erleben. Mein Bruder befand sich gerade auch in den Ferien, und in weiser Voraussicht hatte ich ihn um sein Gravelbike gebeten, während er es sowieso nicht benutzen konnte. Eigentlich, so dachte ich, würde ich damit höchstens einen Tagestrip bei mir in der Gegend machen. Aber wieso nicht ins Ausland damit?

Per Fahrrad reisen, das wollte ich schon lange einmal. Vor vielen Jahren hatte ich das mit meiner Mutter schon einmal gemacht, doch die Erinnerung daran scheint schon blass, bloss die guten Gefühle, die diese Tour ausgelöst hatte, blieben präsent. Also fasse ich den Entschluss, mich erneut auf solch eine Reise zu begeben. In meinem Freundeskreis hatte so spontan leider niemand Zeit, eine Woche in die Aktivferien zu gehen. Das ist zum einen schade, da man solche Erinnerungen nur zu gerne mit anderen teilt, hat aber auch den Vorteil, dass man komplette Freiheit hat, selbst die Ziele zu definieren, sich die Distanzen nach dem eigenen Gusto einzuplanen und man für mehrere Stunden am Tag seinen Kopf leeren kann. Wohin genau, das war die nächste Frage.


Einige Kriterien halfen mir, die Suche etwas einzugrenzen. Ich denke mir, dass ich circa 100 km am Tag zurücklegen könnte. Worauf ich das basiere? Ich weiss noch, dass ich bei der eben erwähnten Fahrradtour vor 9 Jahren einmal 125 km zurückgelegt hatte. Damals wie heute ohne Vorbereitung. Ausserdem habe ich im vergangenen Jahr auch einmal eine Strecke von 130 km bewältigt. Danach war ich allerdings ziemlich KO. Nun ja, etwas unter 130 km sollten es also schon sein. Und vielleicht etwas flacher als in der Schweiz. Und gerne auch etwas kühler, insofern das möglich ist. Das Wetter lässt sich aktuell leider nur schwer vorhersagen. Grundsätzlich also eher gen Norden, nur schon der Temperatur wegen und mit der Topographie im Kopf. Zusätzlich würde ich gerne ein Land durchqueren, einfach weil sich das toll anhört. “Ich bin einmal quer durch Land XY und das nur auf dem Fahrrad!” Wenn es nicht gerade Monaco ist, tönt das in meinen Ohren direkt nach einer ordentlichen Leistung.

Als Drittes ‘T’, nach Temperatur und Topographie, stand die terrane Erreichbarkeit im Fokus, möglichst direkt und ohne viele Umstiege. Zwei Optionen stachen mir in die Augen, da sie sich mit einem vierten Kriterium vereinbaren liessen: Ich wollte gerne Freunde besuchen, die ich in meinem Austauschsemester in Schweden kennengelernt hatte. Zwei davon leben in Groningen, in den Niederlanden, und einer in München. Entweder nehme ich den Nachtzug von Zürich nach Hamburg, wo ich auf einen Zug nach Flensburg umsteige, um meine Reise von Dänemark einmal durch Deutschland bis nach Amsterdam zu unternehmen; oder ich nehme den Nachtzug nach Dresden, von wo aus ich einmal durch Tschechien, auf der anderen Seite des Erzgebirges, bis zurück nach Deutschland fahren könnte. Von Amsterdam und München gibt es auch jeweils wieder einen Direktzug zurück nach Zürich. Padborg bis Amsterdam, mit Abstecher nach Groningen, das sind etwa 600 km, also 6 Tage. Von Dresden bis nach Cham in der Pfalz sind es etwa 500 km, also einen Tag weniger auf dem Rad. Auch die Anreise ohne Umstieg scheint mir nach Dresden etwas angenehmer, und als ich vom fast dauerhaften Gegenwind an der Nordsee lese, habe ich meine Entscheidung getroffen: Tschechien soll mein Reiseziel und mein Reiseweg sein.


Karte der Reise, links herausgezoomt, mit Zürich im Blick und den Zügen im Fokus, rechts herangezoomt, mit den Fahrradetappen im Fokus

Tschechien, oder die Tschechische Republik, wie das Land offiziell heisst, ist auch als Reise spannender, als es Deutschland und die Niederlande gewesen wären. Deutsch und Niederländisch sind meine Muttersprachen, auf Tschechisch verstehe ich allerdings kein Wort. Ich lud also eine Karte vom Westen Tschechiens, sowie einige Hörbücher und Podcasts auf mein Handy, packte drei paar Wechselklamotten, eine Powerbank, ein Necessaire, welches ich dem Namen entsprechend nur mit dem nötigsten gefüllt hatte, etwas Fahrradzubehör, drei Getränkeflaschen, die ich bald noch um eine vierte erweitert hatte, und ein paar Süssigkeiten in meinen Rucksack, borgte mir von meinem Vater noch eine Handyhalterung für das Rad, und ging am Morgen meines Abreisetages noch rasch in die Velowerkstatt, um das Rad einem Spontanservice zu unterziehen. Und so ging es am selbigen Abend auch schon los. Aufregend, so etwas. Hatte ich mir zu viel zugemutet? Im Zug empfand ich eine Mischung aus Respekt und Vorfreude. Wie der Zufall es so wollte, teilte ich mir mein Abteil mit einem jungen Tschechen, der sich gerade auf der Heimreise von einer Fahrradtour in Frankreich befand. Im Gespräch merke ich, dass es eine gute Entscheidung war, mich für Tschechien zu entscheiden.


Tag 1: Direkt aus dem Zug auf das Rad

Als es 5:50 Uhr am Morgen ist, wache ich auf. Ich bin froh, dass ich keine Probleme damit habe, im Zug zu schlafen. Die ersten paar Stunden konnte ich mich über drei Sitzplätze ausbreiten und dadurch gar eine Liegeposition einnehmen. Mitten in der Nacht änderte sich das leider, woraufhin ich im Sitzen schlafen musste. Ich war allerdings so müde, dass ich auch sitzend ohne grosse Probleme einschlief und erst von den ersten Sonnenstrahlen am frühen Morgen aufgeweckt wurde. Ich weiss, dass es noch etwa eine Stunde dauert, bis ich in Dresden ankomme. Genügend Zeit, die Augen nach einem kurzen Toilettengang noch einmal zu schliessen. Um 6:30 Uhr vibriert mein Handy. Es ist mein Wecker, den ich meinen Mitfahrenden zuliebe auf Vibrationsmodus gestellt habe. Die letzte halbe Stunde kann ich gut brauchen, um kurz die anstehende Etappe durchzugehen, mein Frühstück zu planen und eine Wechselstube auszusuchen. Ich denke mir, dass es nicht schaden kann, wenn ich ein paar Euro in tschechische Kronen umtausche, da ich nicht weiss, ob überall per Karte bezahlt werden kann.


Nach besagtem Frühstück und der Besorgung von circa 1’000 Kronen (≈ 50 €) begebe ich mich auf den Weg in Richtung Elbe. An der Frauenkirche und dem Rest der schönen Dresdner Altstadt vorbei, wo ich sicherlich mehr Zeit verbracht hätte, wenn ich nicht bereits früher einige Tage hier verbracht hätte, erreiche ich einen schön breiten und von vielen Freizeitsportler:innen benutzten Fahrradweg, direkt am Ufer der Elbe entlang. Heute ist die Orientierung sehr leicht: Ich fahre den ganzen Tag auf dem Elberadweg, bis ich in Ústí nad Labem bin. Die ersten Stunden vergehen sehr schnell. Es ist angenehm kühl, die Luft bewegt sich kaum, und die Radwege sind sehr gepflegt. Nach circa 25 km komme ich in Pirna an und entschliesse mich dazu, hier eine kurze Pause einzulegen. Das Stadtzentrum ist charmant, und der Zwischenstopp im Kaffee kommt auch meiner Blase gelegen. Bisher bin ich immer in Sichtweite einer Siedlung gefahren, aber nach Pirna beginnt es sich zu lichten. Ich fahre jetzt vor allem im Schatten, da sich die Wälder hier noch bis an die Elbe strecken können, und langsam erhebt sich um mich herum das Erzgebirge.


Ich freue mich sehr auf die nächsten Kilometer, da ich weiss, dass ich mich nun am Tor zur Sächsischen Schweiz befinde. Schon bald sehe ich, wie sich die Hügel entlang der Elbe zerklüften und die hohen Steinsäulen entlang des Ufers in die Höhe ragen. Hier gehen die Kilometer etwas langsamer vorbei, nicht, weil es plötzlich anstrengender wäre oder ich keine Energie mehr habe, sondern einfach, weil ich alle 500 Meter wieder das Bedürfnis habe, einen kurzen Fotohalt einzulegen. Immer höher und beeindruckender ragen die Steine in die Höhe, bis ich beim Highlight des heutigen Tages kurz vor dem Kurort Rathen ankomme. Zwischen den schwindelerregend hohen Felsen der Sächsischen Schweiz erscheint die Basteibrücke, die nicht bloss den Weg durch die Steine zu ermöglichen, sondern diese geradezu zusammenzuhalten scheint. Die heutige Route stellt sich als wahres Prunkstück heraus. Die restlichen Kilometer gleite ich mühelos, beseelt von der tollen Umgebung, gestärkt von einer Mahlzeit in einem herzigen Restaurant kurz nach Bad Schandau und motiviert davon, dass ich mich schon bald danach auf tschechischem Boden befand. Um kurz nach drei bin ich in meinem Hotel angekommen, wo ich mir dank voll ausgestatteter Küche am Abend sogar noch Nudeln kochen kann. Nicht schlecht für 900 Kronen (≈ CHF 35).

 

 

 

 

 

(Teil 2 folgt…)