Mit dem Velo quer durch Tschechien – Teil 3

Tag 4: In Pilsen beginnt die Fussballsaison

Gestern Abend, bevor ich mich schlafen legte, habe ich mir noch kurz die heutige Etappe angesehen. Mir ist aufgefallen, dass ich den Tag direkt mit einem längeren Anstieg starte, den ich mir etwas verkürzen möchte. Also entscheide ich mich dazu, einen Bus aus der Stadt bis in die nächste Ortschaft zu nehmen, um etwas wertvolle Energie einzusparen. Ich habe mir vorgestern spontan noch Tickets für ein Fussballspiel in Pilsen gekauft, weswegen ich spätestens um 15:30 wieder aus dem Hotel in Richtung Stadion aufbrechen muss. Damit hatte ich genug Rechtfertigungen gesammelt, um mir selber diese Abkürzung einzugestehen, und auch so blieben noch 90 km Fahrdistanz übrig, mehr als genug für Tag 4, wie auch mein Sitzknochen findet.

Karte der Reise, links herausgezoomt, mit Zürich im Blick und den Zügen im Fokus, rechts herangezoomt, mit den Fahrradetappen im FokusAlso gehe ich um 7:15 aus dem Hotel und fahre in die Innenstadt, wo ich hoffe, einen Ticketschalter zu finden. Mir ist noch nicht ganz bewusst, inwiefern es überhaupt möglich ist, sein Rad im Bus mitzunehmen und wo genau der Bus abfährt. Laut Onlinefahrplan soll aber zumindest ein Bus existieren. Am Bahnhof angekommen, sehe ich erst mal wenige Anhaltspunkte für den Abfahrtsort des Busses und auch keinen Ticketschalter. Einzig einen Sicherheitsverantwortlichen treffe ich an, den ich sogleich als Auskunft nutzen möchte. Leider fällt die Kommunikation durch die Sprachbarriere doch ziemlich schwer. Englisch spricht der Mann keines, und meinen Erklärungen mit Händen und Füssen kann er, zugegebenermassen verständlicherweise, nur schwer folgen. Also zücke ich mein Handy, um einen Übersetzungsdienst aufzurufen. Beim Handyauspacken fällt mir ein Plakat an der Wand hinter uns auf, welches Werbung für den Busanbieter macht, den ich gerne beanspruchen würde. Also zeige ich stattdessen auf das Plakat und zucke mit möglichst fragendem Blick mit den Schultern, um mein Problem zu verdeutlichen. Der Trick funktioniert, und mir wird eine Treppe gezeigt, die ich doch nach unten gehen soll. Ich danke in gebrochenem Tschechisch und schreite mit dem Fahrrad auf der Schulter die Treppen herunter. Dort wartet eine Dame an einem Schalter, und ausser mir ist die Bahnhofshalle leer. Auch hier ist die Kommunikation nur sehr limitiert möglich, es wird mir allerdings klargemacht, dass es natürlich keine Bustickets bei einem Bahnschalter zu kaufen gäbe. Immerhin kann sie mir allerdings den Weg zu den Bushaltestellen weisen. Der Busfahrer bestätigt mir, dass ich das Rad im Bus mitnehmen kann, erneut eher mit Blicken statt Worten.


Eine Viertelstunde später steige ich aus dem Bus und starte die heutige Etappe. Ich fühle mich erholter als in den Tagen zuvor und nachdem ich mir den ersten Anstieg etwas abgekürzt habe, möchte ich nun ohne grosse Pausen bis nach Pilsen fahren. Nach wie vor bin ich von der Landschaft hier am Ende des Erzgebirges begeistert. Die Höhenmeter gehen zwar in die Beine, doch der Blick nach links und rechts zahlt geleistetes direkt zurück. Das Gelände ist überzogen von Wäldern, die die Luft abkühlen und die ruhige Stimmung verstärken. Es ist heute Samstag, und es scheinen noch weniger Menschen unterwegs zu sein. Dafür begegne ich nun ab und zu anderen Radfahrer:innen und im ebenen Gelände auch Menschen auf Inlineskates oder beim Spazieren. Hier sind die Radwege nochmals besser als auf dem Rest der Tour, vermutlich weil die Gegend hier touristischer ist.

Nach einigen Kilometern durch Wälder und Hügel komme ich dann auch wieder in eine dichter besiedelte Region um Pilsen. Ich mache eine letzte längere Abfahrt und bin endgültig wieder im Flachland angekommen. Die Kilometer gehen heute sehr locker aus den Beinen und ich komme schon um 13:00 Uhr in Pilsen an, was trotz einer um 15 km kürzeren Etappe doch früher als erwartet ist. Da ich erst um 14:00 Uhr ins Hotel einchecken kann, gehe ich in ein Einkaufszentrum, wo ich mein Mittagessen hole. Nach dem Check-In im Hotel und einer schnellen Dusche geht es für mich ins Stadtinnere.


Auch Pilsen ist als Stadt enorm sehenswert, aber hier war es auch zu erwarten. Für mich geht es nun den roten Menschenmassen nach, dann muss ich den Weg zum Stadion nicht nachschauen. Ich bin froh, dass der Fussball endlich wieder losgeht, denn die Stadionatmosphäre hat etwas ganz Besonderes. Hier trifft sich die Region und stellt sich geschlossen hinter ihren Verein, schöpft Hoffnung und Freude aus dem Start einer neuen Saison und fiebert bei jeder Aktion mit. Das Spiel geht zwar leider verloren, für die Anlässigen tut mir das leid, doch schön konnte ich dem beiwohnen und habe mit ihnen diese Erfahrung geteilt.

Danach bleiben mir ein paar Stunden, in denen ich die Stadt weiter erkunden kann. Während ich durch die Strassen schlendere, lasse ich mir die letzten Tage Revue passieren und bin glücklich darüber, dass ich mich für diese Tour entschieden habe, und stolz darauf, was ich bisher geleistet habe. Morgen steht schon die letzte Etappe an, und dann kann ich ein paar Tage entspannen. Ein letzter Effort steht bevor, den ich gerne meistern und gleichzeitig nochmal geniessen möchte.

 

 

 

 

 

 


Tag 5: Endspurt zurück nach Deutschland

Auf den letzten Tag der Etappe musste ich mich vorbereiten, weil es Sonntag ist und ich deswegen unterwegs nichts kaufen kann. Ich bin am Vorabend noch rasch in einen Lidl und habe so viele Snacks gekauft, wie in meinem Rucksack noch Platz hatten. Neben dem üblichen Süsskram und den Isogetränken kamen da noch Nüsse und ein Smoothie dazu, den ich zum Frühstück austrinke. Im letzten Hotel war sogar Frühstück inbegriffen, weswegen ich auch am Buffet kurz vorbeischauen wollte. Als Veganer finde ich allerdings nur ein paar Gurken, Tomaten, Toastbrot und Marmelade. Ich nehme mir ein wenig von allem und setze mich an einen Tisch. Ich möchte allerdings nicht zu spät abfahren, da es gestern Mittag bereits ziemlich heiss wurde und ich heute circa 20 km mehr fahren werde, als ursprünglich geplant war. Weil ich mich gut fühle und ich gerne noch etwas länger auf den deutschen Radwegen unterwegs sein möchte, habe ich mich spontan dazu entschieden, nach Cham, anstatt nur bis nach Furth im Wald, zu fahren. Um kurz nach 7:00 Uhr schwinge ich mich also für ein letztes Mal auf meinen Drahtesel, wobei er wohl eher aus Carbon besteht, und mache mich auf den Weg nach Deutschland.

Anfänglich kurve ich wieder durch die Agglomeration von Pilsen, wobei ich immer wieder Hauptstrassen kreuze und durch Quartiere radle, doch bald schon befinde ich mich wieder mehr auf dem Land, wo es mir doch besser gefällt. Das Wetter ist heute wie erwartet sonnig, und der Wind hat sich gegen mich gewendet. Meine Beine sagen mir, dass ich heute etwas weniger Tempo machen soll, mein Rücken klagt, dass er seit über 4 Tagen mein gesamtes Gepäck tragen muss, und mein Sitzknochen hat sowieso schon lange genug, aber ich bin heute von der Motivation gepackt, nochmals zügig zu fahren.


In den Wäldern in Grenznähe sind die Radwege einwandfrei, und dementsprechend viele Radfahrer:innen sind heute unterwegs. Das lässt mich für den heutigen Tag ein Ziel fassen: Bisher bin ich auf der gesamten Tour noch von keinem Fahrrad überholt worden, und das soll auch heute nicht passieren. Als ich im Wald vor Babylon (der Ort heisst tatsächlich so) hinter mir zwei E-Biker wahrnehme, gerät dieses Ziel das erste Mal in Bedrängnis. Eigentlich hätte ich gerne noch ein paar Kilometer etwas gemütlich geradelt, bevor ich meine 25 km vor Cham meine letzte Pause für den Tag einlege, aber daraus wird wegen des Ehrgeizes, der mich jetzt packt, dann doch nichts. Also beginne ich damit, kräftig in die Pedale zu treten, um mir einen Vorsprung herauszufahren. Immer wieder geht es ein Stück aufwärts, wo mir die beiden schon fast im Nacken hocken, und dann wieder ein Stück abwärts, wo ich wieder etwas Luft bekommen kann. Ich möchte auch nicht zu häufig nach hinten sehen, um nicht wie ein Irrer auszusehen, der sich verfolgt fühlt. Ich denke, das gelingt mir nicht. Nun ja, wie dem auch sei, nach etwa 15 Minuten kann ich die beiden hinter mir nicht mehr entdecken. Eventuell haben sie sich beobachtet gefühlt und eine alternative Route gewählt, aber ich glaube lieber daran, dass ich sie abgehängt habe. Jetzt kann ich mir entspannt ein Bänkchen suchen, auf dem ich den Blick über die Wälder um Babylon schweifen lassen kann.


Die letzten Kilometer meiner 5-tägigen Tour sind dann so ziemlich die leichtesten. Es weht zwar ein beständiges Gegenwindchen, aber ich bin umso motivierter, möglichst bald in Cham den Bahnhof zu erreichen. Ich weiss, dass alle 2 Stunden ein Zug nach München fährt, und ich würde gerne vor der Abfahrt noch in ein Restaurant gehen, um etwas zu essen und zu trinken. Schlussendlich wird es ein Falafeldürüm, das mir als Belohnung für die vergangenen Tage sehr passend scheint, da Falafeldürüm, oder besser gesagt Falafelrulle, wohl mein Hauptnahrungsmittel im Austauschsemester in Schweden war und dadurch etwas sehr Nostalgisches hat. Ich bin glücklich und zufrieden.

Fazit: gerne wieder!

Abschliessend kann ich nur sagen, dass ich die Tage sehr genossen habe und es gerne wiederholen möchte. Klar, war es unterwegs auch mal anstrengend, und klar, war meine Motivation nicht immer gleich gross, vor allem, wenn mein Handy mir gefühlte zwanzig Minuten, nachdem ich noch 73 km zu fahren hatte, sagt, dass jetzt nur noch 72 km zu bewältigen sind. Aber das ist schnell vergessen, wenn man in den Zielort eintrifft. Die positiven Gefühle, die diese Erfahrung hervorruft, sind viel grösser. Eine Woche in einem fremden Land mit fremder Sprache, mit nichts weiterem dabei als dem, was in einen Rucksack passt. Eine Woche entschleunigen, obschon man ständig am Beschleunigen ist. Eine Woche lang nur die Umgebung geniessen, die man beständig durchquert. Und auch finanziell war das Unterfangen zufriedenstellend. Insgesamt konnte ich die Reise ziemlich günstig halten. Die Hotels kosten alle zwischen CHF 30 und CHF 45, die Züge (Zürich-Dresden & München-Zürich) CHF 58 und CHF 39, und die Kosten für Lebensmittel in Tschechien sind auch sehr erschwinglich. Einzig der Zug von Cham nach München war teurer als erwartet und teurer als derjenige von München nach Zürich, weil ich ihn erst am Bahnhof gebucht habe. Hier könnte man noch etwas vorausschauender planen, wobei das wohl nur für andere Studierende unter der Leserschaft von Relevanz sein dürfte.
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